Blind – Wie fühlt sich das an?

Serie – #1: Essen ohne Augen

Neben mir am Tisch sitzt ein Herr um die Sechzig. Aus dem Augenwinkel registriere ich, wie er während des Essens ab und zu vorsichtig mit der Hand den Teller vor sich abtastet. Wenig später ist dieser leer gegessen. Wir kommen ins Gespräch. Er ist blind, wie sich herausstellt. Ich bin einen kurzen Moment peinlich berührt, könnte aber nicht mal sagen, warum. Vielleicht, weil ich Minuten vorher dachte, warum fingert der Mann so an seinem Essen herum? Die Scheu ist schnell verflogen und in einer anregenden Unterhaltung mit ihm tut sich mir eine neue Welt auf. Denn Christoph ist nicht behindert! Er ist «nur» blind. Was das bedeutet, kann man sich als Sehender wirklich kaum vorstellen. Es sei denn, man wagt den Versuch, der Sache durch Selbsterfahrung ein kleines bisschen näher zu kommen. Ich tue es.

 

Plötzlich ist es schwarz

Wenige Wochen später stehe ich aufgeregt im Eingangsbereich des Restaurants «Blindekuh« im Zürcher Seefeld. Der Name ist Programm: Man speist in absoluter Finsternis.

Die grosse Tafel an der Wand im Vorraum verkündet das aktuelle Menü. Daraus stellt man sich nach Belieben seinen Dreigänger zusammen und bestellt das Essen vorab an der Empfangstheke. Dann heisst es, vor dem schweren, dunklen Vorhang auf den persönlichen Kellner zu warten. Augenblicke später begrüsst uns Marco. Er ist blind oder zumindest sehbehindert, wie übrigens das gesamte Servicepersonal im Haus. Wir sollen uns gegenseitig und dann ihn von hinten an der Schulter fassen, bittet er. So führt er mich und meine Begleitung im Gänsemarsch ins Reich der Dunkelheit, das hinter dem Vorhang liegt. Schlagartig wird es mir schwarz vor Augen. Es ist nicht das Allergeringste zu sehen. Ein schummriges, unbehagliches Gefühl stellt sich ein. Unsicherheit, Orientierungslosigkeit. Marco platziert uns professionell und souverän. Ich bin erleichtert, als ich sitze. Er erklärt, wo was auf dem Tisch zu finden ist, nimmt die Getränkebestellung auf und eilt davon. Ich taste den Tisch ab und versuche, mir alles einzuprägen. Ob ich wohl ohne Malheur mit einer Gabel voller Essen in meinen Mund zielen kann, denke ich noch, da kommen schon die Getränke und ein Gruss aus der Küche. Überrascht stelle ich fest, meine Gabel und die Gläser finden problemlos ihren Weg und ich entspanne mich etwas.

 

Die Sinne sind geschärft

Das Stimmengewirr rundherum ist ziemlich laut, jedenfalls kommt es mir so vor. Aber das liegt vermutlich daran, dass ich mich zur Orientierung völlig auf mein Gehör fokussiere. Wortfetzen fliegen vorbei. Ich lausche und versuche, mir vorzustellen, wie die Personen aussehen, die sie ausgesprochen haben. Doch das lässt schnell nach. Ich bin selbst mit einem exzellenten Gesprächspartner hier und unsere Unterhaltung sowie das nicht sichtbare Essen fesseln bald meine volle Aufmerksamkeit. Die Geräuschkulisse lässt nach und nichts lenkt mich mehr ab. Zu sehen gibt es schliesslich nichts und das schärft auf erstaunliche Weise alle anderen Sinne. Der Wein schmeckt unglaublich intensiv, genau wie jeder Bissen, den ich mir in den Mund schiebe. Ich weiss zwar, was ich esse, aber ich sehe es nicht. Mit Messer und Gabel erkunde ich die Konsistenz der Speisen auf dem Teller und ab und zu taste ich mit der Hand vorsichtig danach. Genau wie Christoph es tat, als ich ihn kennen lernte. Aha, so fühlt sich das an, schiesst es mir durch den Kopf. Auch Zunge und Gaumen sind herausgefordert. Was ist dieses Weiche, was das härtere Stück, wonach schmeckt es? Ich versuche, jedes Aroma zu definieren und muss in mich hinein lächeln. Habe ich jemals zuvor so bewusst gegessen? War ich schon jemals zuvor so aufmerksam in ein Gespräch vertieft? Ich kann mich nicht daran erinnern. Als wir später wieder durch den Vorhang ins Licht treten, bin ich sekundenlang geblendet, vom Licht selbst und von den Bildern, die mein Sehnerv ans Gehirn sendet. Dann bin ich dankbar für eine unvergessliche Erfahrung und das Privileg, nach rund zwei Stunden ohne Augenlicht wieder Sehen zu können.

«Blindekuh» das Dunkelrestaurant gibt es in Zürich und in Basel. Infos und Reservation auf: www.blindekuh.ch

 

Jacqueline Vinzelberg

Photo by Ryoji Iwata on Unsplash

 

 

 

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